Von der Düne bleibt ein Sockel

Das Waldschlösschen auf seinem Sockel
Das Waldschlösschen auf seinem Sockel

Wenn sich die Natur verändert oder wenn der Mensch die Natur verändert, dann geschieht dies manchmal so radikal, dass nur noch einzelne Spuren auf das Verlorene hindeuten. In den Alpen etwa weisen viele Seen in langgestreckten Tälern (z.B. Lago Maggiore oder Comer See) auf die ehemals vorhandenen Gletscher hin. Die Klippen von Dover zeigen uns, dass nicht nur eine Mehrzahl der Engländer, sondern auch das anbrandende Meer die Briten von Europa getrennt hat.

Und in Griesheim zeigen das Waldschlösschen und einige benachbarte Häuser durch ihre merkwürdige Lage auf einem hohen Sockel, der ein bisschen ein Verkehrshindernis darstellt, dass hier die Landschaft ehemals ganz anders aussah als heute.

Zunächst einmal ist klar, dass der Bereich um die heutige Straßenbahnhaltestelle St. Stephan nicht immer mit Häusern bebaut war. Aber wir müssen gedanklich nicht nur die Häuser entfernen, um der ursprünglichen Gestalt dieser Gegend auf die Spur zu kommen. Wir müssen auch die Sanddünen dazudenken.

Das Griesheimer Stadtgebiet besteht ja aus zwei Landschaften: Im Westen das feuchte aber fruchtbare Schwemmland, das der ehemalige Neckarlauf hier geschaffen hat, im Osten das unfruchtbare, aber trockene Sanddünenland. Woher die Sanddünen kamen, das können Sie hier noch einmal nachlesen. Und wie so eine Düne aussieht, das habe ich hier geschrieben.

Die meisten Dünen sind heute eingeebnet. Eine der höchsten und eindrucksvollsten muss der Kirschberg gewesen sein. Er hatte eine Höhe von mehreren Metern und zog sich von dem Bereich der Gerhart-Hauptmann-Schule (wo noch Reste vorhanden sind) über den Parkplatz am Felsenkeller und über die heutige Wilhelm-Leuschner-Straße  hinweg Richtung Süden. Er stellte mit seiner Höhe und seinen wohl relativ steilen Böschungen ein ziemliches Hindernis dar. So verhinderte er auch lange Zeit eine direkte Straßenverbindung von Griesheim nach Darmstadt. Stattdessen gab es zwei ziemlich sandige Straßen, die den Berg nördlich und südlich umgingen.

Im Norden war dies der heutige Straßenzug Darmstädter Straße / Feuerwehr / Goethestraße, der sich weiter östlich im Wald fortsetzte und erst am heutigen Waldfriedhof eine ähnliche Trasse einschlug, wie das heute die Darmstädter Rheinstraße tut. Und im Süden war dies die Bessunger Straße, die früher tatsächlich bis nach Bessungen führte.

stadtplan_kirschberg
Griesheim 2015: gelbes Croissant = ungefähre Lage des Kirschberges , nördliche rote Straße = Darmstädter Straße , südliche rote Straße = Bessunger Straße, blaue Straße = heutige B26

Erst im 19. Jahrhundert wurde eine neue Chaussee, die heutige Wilhelm-Leuschner-Straße, angelegt. Sie war nötig geworden, da der Bedarf nach einer leistungsfähigen Verbindung zwischen Griesheim und Darmstadt immer stärker geworden war. Früher war Griesheim in Nord-Süd-Richtung orientiert. Die Pfützenstraße bzw. die Groß-Gerauer-Straße stellten die Verbindung nach Groß-Gerau und Mainz her. Die Frankfurter Straße führte nach Mörfelden und Frankfurt und die Pfungstädter Straße an die Bergstraße. Die Oberndorferstraße führte nach Gernsheim und Worms. Verbindungen nach Westen waren schwierig, da der alte Neckarlauf immer noch als Sumpfgebiet vorhanden und schwer zu passieren war. Und Verbindungen nach Osten mussten durch das Sandland.

Ehemals war Griesheim viel stärker auf Groß-Gerau ausgerichtet als auf Darmstadt. Erst als dieses als Hauptstadt des Großherzogtumes Hessen ab 1806 immer weiter wuchs wurden die Beziehungen zwischen beiden Orten enger.

Die neue Chaussee durchbrach den Kirschberg ziemlich genau in der Mitte. Als Sanddüne konnte man ihn relativ leicht abgraben, sodass die Straße nicht über ihn hinweggeführt wurde, sondern mit einem Durchstich so durchbrochen wurde, dass die Straße ziemlich waagerecht verlaufen konnte (bzw. mit einem Gefälle von ca. 7mm / m). Nördlich blieb die Flanke des Kirschberges noch bis in die 1960er Jahre erhalten, erst dann entfernte man auch hier die Düne zugunsten der Zufahrt zur Gerhart-Hauptmann-Schule und schuf den Parkplatz am Felsenkeller.

felsenkeller
Die heute noch erhaltenen Sockel am „Felsenkeller“

Südlich der Straße dagegen ist die Düne in Form der hohen Sockel der Häuser noch erhalten. Das Waldschlösschen und der daneben gelegene Felsenkeller nutzen ihre Lage zur Anlage von großen Kellern, in denen Speisen und Getränke in Zeiten ohne Kühlschrank und Klimaanlagen auch im Winter aufbewahrt werden konnten. Diese Gebäude wurden lange vor den benachbarten Häusern errichtet. Darum lagen sie auch näher an der Straße. Sie schnüren damit die Straße etwas zu sehr ein. Aber damit erinnern sie daran, dass der Kirschberg ursprünglich ein wesentlich beeindruckenderes Hindernis war.

Warum man die Straße nun aber unbedingt durch die Düne legte, statt außen herum, das können Sie hier lesen.

3 Gedanken zu „Von der Düne bleibt ein Sockel“

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